Der Mann, der alles richtig machen wollte

Eine Stange liegt auf dem Boden. Das Pferd am Strick darüberführen — mehr ist die Aufgabe nicht. Es ist fast die einfachste Übung des ganzen Seminars. Und eine, die ganz viel zeigen kann.

Eine Stange liegt auf dem Boden. Die Aufgabe: ein Pferd am Führstrick darüberführen. Mehr nicht. Es ist eine einfache Übung im Seminar — ein Pferd geht über Stangen, wenn es das kennt und man ihm etwas Zeit lässt. Der Teilnehmer, Bereichsleiter in einem mittelständischen Unternehmen, hat vorher gesagt, er wolle es ordentlich machen. Und auf jeden Fall die Stange überwinden und die Aufgabe mustergültig lösen.

Er nimmt den Strick kurz. Die Schultern hoch, der Kiefer fest, der Blick fixiert die Stange. 100 % Fokus und Wollen. Und dann beginnt er mit dem Pferd zu „arbeiten“. Das Pferd macht einen Schritt zur Seite — er schneidet ihm den Weg ab. Das Pferd hebt den Kopf — er zieht am Strick. Jede Bewegung und Reaktion des Tieres beantwortet er sofort, mit mehr Körper, mit mehr Stimme, mit lauteren Kommandos. Nach einer halben Minute weiß das Pferd nicht mehr, worauf es reagieren soll bei diesem Übermaß an Energie. Es wirft den Kopf hoch, weicht seitlich aus, weg von der Stange auf dem Boden - und bleibt dann einfach stehen.

Was hier passiert ist, hat mit Können nichts zu tun. Er wollte die Aufgabe lösen und hat dafür getan, was ihm im Beruf zuverlässig hilft: mehr Einsatz, mehr Kontrolle, schnellere Reaktion. Nur liest ein Pferd keine Absicht. Es liest Anspannung. Und was bei ihm als Bereichsleiter Anleitung und Führung war, kam auf der anderen Seite des Stricks als Bedrohung an. Reizüberflutung, jede Sekunde ein neues Signal, keines davon eindeutig.

Für den zweiten Versuch gab es nur einen Tipp von mir: gar nichts tun außer los zu gehen. Er ließ den Strick lang, sah nach vorn und ging los. Das Pferd zögerte kurz, dann kam es mit. Über die Stange, ohne einen einzigen Befehl. In der Auswertung sagte er einen Satz, den ich seitdem oft zitiere: „Ich habe die ganze Zeit gedacht, ICH muss das Pferd über die Stangen bringen. Dabei konnte ich es machen lassen und durfte es nur begleiten.“ Manchmal ist weniger Druck und Kontrolle nicht die weichere, sondern die wirksamere Führung.

0
Feed

Einen Kommentar hinterlassen